Montag, 26. Oktober 2015

Montag, 5. Oktober 2015

Videos aus der Mongolei...








Geschreibsel: Olchon, Baikalsee



Von Irkutsk geht’s zum Baikalsee. Genauergesagt auf die Insel Olchon. Für die ca. 250 Kilometer soll man ca fünf Stunden brauchen. Zum Ende der Strecke geht es über üble Schotterpisten, die Oskar mächtig durchrütteln. Ich versuch so behutsam wie möglich zu fahren, aber alles rattert gnadenlos…

Der Baikalsee hält einige Rekorde. Er ist der älteste (ca. 25 Millionen Jahre alt) und der tiefste See (1637 Meter) mit dem klarsten Wasser. Er ist der größte Süßwassersee und enthält 20 Prozent allen Süßwassers auf der Erde. Sein Volumen von 23.000 Kubikkilometer Wasser entspricht etwa zwei Mal der Ostsee oder ca. 200 Mal des Bodensees. Seine Nord-Süd-Ausdehnung beträgt unglaubliche 636 km mit über 2000 km Küste. All diese enormen Fakten verblassen jedoch gegen seine Schönheit. Sobald man den letzten Hügel vor dem See erklommen hat kann man seinen Blick nicht mehr abwenden...

Die einzige Verbindung der Insel Olchon zum Festland sind zwei kleine Fähren. Leider bin ich nicht der einzige, der heute auf die Insel will. Ich kann noch nicht mal die Fähre oder den Hafen sehen, da die Schlange der Autos um einen Hügel führt. Auf diese Fähren passen vielleicht zehn Autos und ein kurzer Spaziergang zum Hafen zeigt mir, dass sicher über 60 Fahrzeuge vor mir sind. Also heißt es warten, warten, warten. Nach drei oder vier Stunden bin ich endlich dran. Es ist schon fast dunkel, als ich auf der Insel ankomm. Ich fahr einige Kilometer ins Landesinnere und stell mich irgendwo an die Küste. Ich bin so müde, dass ich augenblicklich einschlafe…

Die Bucht


Am nächsten Morgen fahr ich einige Kilometer weiter. Die Piste ist fast durchgehend knallhartes Wellblech, so dass ich die 30 km/h so gut wie nie knacke. Teilweise weich ich rechts und links auf kleinere Nebenpisten aus, die zwar nicht so hart, aber ziemlich sandig sind. Irgendwann entdecke ich linkerhand eine kleine Bucht, die mir sofort gefällt. Glasklares Wasser, perfekter Sandstrand umrandet von leichten Hügeln. Dazu die phänomenale Aussicht über den Baikalsee. Das ist meine Bucht. Hier bleib ich…

In der Bucht stehen noch einige weitere Fahrzeuge. An einem knallorangenen VW LT klebt doch tatsächlich ein deutsches Nummernschild. Drinnen sitzt der rauchende Pigu aus Hamburg. Witziger Kerl, der schon vor ner Weile von der Bucht eingefangen wurde. Gleich hinterm Bulli mach ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit einer unscheinbaren Pflanze, die mir den halben Fuss verbrennt. Tut höllisch weh, doch komischerweise setzt bei mir kein Lerneffekt ein. So wiederhol ich dieses Kunststück mindestens drei Mal am Tag. Jedes Mal verfluch ich diese Scheiß Pflanze aufs Übelste! Und jedes Mal kann ich nicht glauben, dass ich das nicht so langsam mal checke. Aber Flora und Fauna technisch gibt’s aber auch einen fetten Vorteil: Endlich mal keine Mücken! Das gab‘s schon lange nicht mehr…


Chukir

Nach ein paar Tagen will ich nach Chukir, den Hauptort der Insel. Hier soll auch der berühmte Schamenenfelsen sein, der fast auf jeder Postkarte hier zu finden ist. Die Piste dahin ist immer noch ne Katastrophe. Das knallharte Wellblech lässt mich wieder auf die Seitenwege ausweichen. Das schont Oskar zwar deutlich, aber ich hab ziemlich Schiss mich wie auf Römö, Dänemark in dem weichen Sand festzufahren. Ok, damals führte eher das äußerst ungeschickte Navigieren meines Co-Piloten zu dem Unglück, aber die Sandpisten links und rechts neben der Schotterpiste sind eben ähnlich sandig. So sitz ich ziemlich angespannt hinterm Steuer. Gerade bei den Steigungen. Hoffentlich hält Oskar das durch. So können 20 km doch ganz schön lang werden...

Einige Kilometer vor Chukir entscheide ich mich für eine Strecke durch den Wald. Hier ist es leider noch sandiger und bei einigen Passagen rattert Oskar nur mit letzter Kraft durch. Direkt vor dem Ort kommt eine nicht zu überwinden scheinende Stelle. Bestimmt 30 Meter tiefer Sand bei gleichzeitiger leichter Steigung. Soll ich umkehren und zurück zur holprigen Hauptstraße? Ne, das wäre zu weit. Und wer weiß, ob es da besser ist?! Also dadurch jetzt. Ich setz ein wenig zurück, um einige Meter mehr Anlauf zu haben, streichel Oskar noch mal übers Lenkrad und geb Gas. Oskar schwimmt regelrecht durch den Sand und mit jeder Sekunde wird er langsamer und langsamer. Mich überkommt schon dieses komische Gefühl, dass ich gleich ein Problem haben werde, aber mit letzter Kraft erreicht Oskar festeren Untergrund zieht auch das Heck raus. Puuhh…

Nach diesem Stress hoffe ich auf eine Belohnung. In meinen Gedanken erwartet mich ein hübsches Städtchen mit dem berühmten Schamenenfelsen im Hintergrund. Leider versucht Chukir das Gegenteil zu erreichen. Es ist ein staubiges Nest, das in erster Linie den Touristen möglichst viel Geld aus der Tasche ziehen will. Schrecklich. Und vom Schamanenfelsen ist auch nicht viel zu sehen, da es heute richtig diesig ist. Na ja, zumindest komm ich mal wieder ins Internet…


Alina

Ich fahr wieder einige Kilometer auf der Hauptstraße zurück an einen kleineren Strand. Hier ist schon mal deutlich weniger los. Ich mach mir einen Kaffee und setz mich ans Wasser. Irgendwann seh ich am Ende des Strandes Jemanden mit einem riesigen Rucksack…

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Jetzt hat wieder ein Mal diese unglaubliche sibirische Gastfreundschaft diese Geschichte unterbrochen. Lucho (das hab ich zumindest verstanden) stand plötzlich mit selbstgebrannten Wodka und geräuchertem Ogul vor mir. Diesen geräucherten Fisch hab ich nicht zum ersten Mal angeboten bekommen und ist wirklich eine Delikatesse. Die Verständigung läuft sehr herzlich, aber nur schleppend. Mit jedem Wodka wird’s aber besser. Gut, dass er den gleich in einer 5 Liter Flasche mitgebracht hat. Zum Dank gibt’s von mir meinen importierten Jägermeister. So langsam verstehen wir uns blendend. Nur die Tatsache, dass Lucho Scooter geil findet, kühlt das Gespräch kurzzeitig ab…

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Zurück zum riesigen Rucksack. Ist der wirklich so groß oder ist die Frau (so viel kann ich erkennen) nur so klein? Jedenfalls hat die Gute schwer an ihrem Gepäck zu tragen. Immer wieder und immer häufiger legt sie eine Pause ein. Als sie ungefähr auf meiner Höhe ankommt geh ich ihr ein paar Schritte entgegen und frag auf Englisch, ob ich ihr helfen kann. Ihr Englisch ist ganz passabel und so will sie wissen, ob dies ein guter Platz zum Übernachten sei. Ich antworte, dass ich auch gerade erst angekommen sei, aber wenn sie mag würde ich auf sie aufpassen. Sie schaut mir eindringlich in die Augen und lässt ihren schweren Rucksack an Ort und Stelle fallen… 

Ich schau mir Alina genauer an. Sie ist tiefbraun gebrannt und wirkt irgendwie ungewaschen. Sie hat grobe Hände und zerzaustes braunes Haar, das sie zu einem Zopf gebunden hat. Außerdem riecht sie schwer nach Lagerfeuer. Ich weiß nicht genau was, aber diese Frau macht mich irgendwie neugierig und ich frag, ob sie einen Tee mit mir trinken möchte. Wieder schaut sie mir mit ihren fast schwarzen Augen auf den Grund meiner Seele, überlegt kurz und willigt ein. 

So erfahr ich, dass Alina 28 Jahre alt ist und Lehrerin ist. Sie hat allerdings nach dem Studium nie als Lehrerin gearbeitet und reist seit fünf Jahren kreuz und quer durch Asien. Alles was sie zum Leben braucht hat sie dabei. Einen Großteil ihres Gepäcks scheint eine Vielzahl von Kräutern auszumachen. Wie eine kleine Hexe weiß sie alles über diese Kräuter. Als ich mal huste packt sie alsbald eines der Kräuter in meinen Tee. Ich weiß nicht so recht, was ich von dieser Frau halten soll, aber wir reden bis zum Sonnenuntergang. Es ist schon halb zehn als sie plötzlich aufsteht und in die Stadt gehen will. Sie möge doch so gern laufen und wenn ich bei ihrer Rückkehr noch nicht schlafe könnten wir noch einen Tee trinken…

Ich seh Alina erst am nächsten Morgen wieder. Sie kommt gerade vom Holz holen, das sie zum Kochen benötigt. Auf der Insel gibt’s kaum Bäume und so musste sie drei Kilometer laufen. Unglaublich geschickt entfacht sie ein Feuer und stellt einen kleinen Topf zum Wasserkochen hinein. Und gerade wenn sich der Topf auf dem knackenden Feuer wieder gefährlich zur Seite neigt schiebt sie genau an der richtigen Stelle ein kleines Stöckchen nach. Das hat sie ohne Zweifel schon hunderte Male gemacht. Wieder verlieren sich die verschiedensten Kräuter in dem Topf und wenig später halte ich einen Becher Tee in der Hand. Der Becher ist schon ein etwas schmuddelig und obwohl Alina den Tee abgegossen hat schwimmen noch unzählige Kräuter und Gräser darin. Meine Skepsis legt sich mit dem ersten Schluck. Dieser Tee ist fantastisch...
Zur gleichen Zeit bereitet Alina ganz selbstverständlich einen Eintopf in einem etwas größeren Topf vor. Diesen habe sie erst gestern gefunden. Ich fühl mich mies. Im Gegensatz zu Alina führ ich ein Leben im größten Luxus. Oskar ist das reinste Luxushotel und ziemlich gut mit den verschiedensten Leckereien gefüllt. Und jetzt kocht Alina für mich. Mit Sachen, die sie wirklich schwer getragen hat. Aber ich kann sie da nicht von abbringen. Und insgeheim bin ich mir auch sicher, dass sie meine größtenteils industriellen Lebensmittel nicht wirklich pralle finden würde. Mit dem Eintopf ist es wie mit dem Tee. Er sieht nicht wirklich schmackhaft aus, aber es ist wahrlich vorzüglich. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon was Leckeres auf dieser Reise hatte…

Nur wenig später läuft sie in die Stadt. Sie habe dort gestern ein Jobangebot bekommen. Kräuter sammeln. Das kann sie bestimmt gut. Mies ist dagegen die Bezahlung. Sie bekommt 70 Rubel in der Stunde. Das ist nur wenig mehr als ein Euro. Aber Alina ist das egal. Für sie ist das keine richtige Arbeit…

Ich treff sie erst spät abends wieder. Die Sonne geht schon so langsam unter. Wir entfachen ein Lagerfeuer, trinken wieder Tee und schauen auf diesen wunderschönen See. Bis tief in die Nacht reden wir über Glück und Unglück, Wichtiges und Unwichtiges. Über die Kraft der Gedanken und das Schicksal…

Fotoalbum August 2015 (Polen, Litauen, Lettland, Russland)